Aus der Konzeption: "Der Wald ruft"

...und alle Kinder der Kindertagesstätte Villa Kunterbunt folgen diesem Ruf.

Jeden Dienstag in den Monaten November bis Juni gehen die entsprechenden „Projektkinder“ in den Wald, um die Natur in all ihren Facetten zu entdecken, zu erforschen, den Wald zu riechen, ihn zu ertasten, zu spüren und nicht zuletzt zu genießen und als Spielort schätzen zu lernen.

Entstanden war die Idee durch eine Veranstaltung zum Thema Waldkindergärten, von der wir ErzieherInnen so begeistert waren, dass wir nach Möglichkeiten der Umsetzung auch für unsere traditionell ausgerichtete Kindertagesstätte suchten. Unser Anliegen bestand darin, den Kindern ein erweitertes Erfahrungsfeld vor dem Hintergrund des Natur- und Umweltaspekts neben dem naturnah gestalteten Garten anzubieten.

Begonnen hat das ganze Projekt im März 1998 mit einer kleinen Teilgruppe die zunächst vierzehntägig in den Heessener Wald ging. Bevor es jedoch soweit war, fand eine lange Phase der Auseinandersetzung mit diesem Thema statt. Organisatorische Abläufe mussten geklärt, inhaltliche Aspekte herausgearbeitet und dargestellt, sowie aufsichtspflichtrelevante Dinge bedacht werden. Nachdem dies geschehen war, wurde den Eltern das geplante Projekt im Rahmen eines Elternabends vorgestellt, und so konnte es am besagten Tag im März 1998 endlich losgehen. Gut vorbereitet und entsprechend ausgerüstet mit einem eigens für die Waldtage angeschafften wasserfesten Rucksack, in dem Dinge wie Feuchttücher, Verbandsmaterial, Bestimmungsbuch, Fotoapparat und ein Handy verstaut sind, wurde unter fachkundiger Leitung des Forstamtes Schwerte der erste Waldtag zu einem spannenden und schönen Erlebnis.

Seit diesem Tag hat sich das Projekt immer weiter entwickelt. Viele Jahre sind wir mit allen Kindern der Kindertagesstätte wöchentlich in den Wald gezogen. Durch die vermehrte Aufnahme der unter Dreijährigen ist es aus personellen Gründen nicht mehr möglich, jede Woche mit allen Kindern in den Wald zu gehen. Von daher haben wir eine sog. Projektgruppe gebildet, die insgesamt 16 Kinder umfasst und nach 8 Wochen wechselt.

Die Ziele, die verfolgt werden, nämlich die Natur bewusster zu erleben und wertzuschätzen, die Fantasie der Kinder durch das freie Spiel im Wald anzuregen, das Aggressionspotenzial durch Bewegung und den großen Freiraum zu vermindern, die Geschicklichkeit und Koordinationsfähigkeit durch das Klettern über Baumstämme und das Überspringen von Wassergräben sowie durch das Strolchen durchs Dickicht zu verbessern, sind langfristig zu sehen.

Besonderen Stellenwert kommt der Sinnesschulung zu. Unter Einbeziehung der gesamten Sinne wie Hören, Riechen, Sehen und Fühlen erleben die Kinder den Naturraum Wald.

Dies ist gerade in der heutigen Zeit von elementarer Bedeutung, da durch Reizüberflutung und die zunehmende Haltung des passiven Konsumierens die Fähigkeit der bewussten Sinneswahrnehmung weitgehendst verloren geht, ja geradezu die Sinne verkümmern.

Damit deutlich wird, welch eine Bereicherung der Waldtag für unsere pädagogische Arbeit darstellt, laden wir Sie hier ein, einen Tag im Wald nachzuspüren.

Fotos vom Waldtag und unserem Garten

Bei der Gestaltung der Waldtage sind Rituale ganz besonders wichtig. Zunächst treffen sich alle Kinder in entsprechend wettergerechter Kleidung zwecks „Lagebesprechung“ an der großen Eiche, bevor sie dann mit ihrem Gepäck, zu dem der Rucksack mit dem Frühstück, eine Lupe sowie ggf. ein Taschenmesser gehören, losziehen. Wetterfeste Kleidung sowie auf jeden Fall eine Kopfbedeckung und festes Schuhwerk sind ebenfalls unerlässlich.

Regeln des Waldtages:

Im Wald angekommen, begrüßt uns Ariziki eine Handpuppe, die uns beim Waldtag stets begleitet. Vor dem Frühstück, eingenommen auf dem selbstgebauten Waldsofa, welches aus großen Ästen, Reisig und Moos gebaut wurde, stimmt das Wurzelzwergspiel die Kinder auf den Morgen ein. Beim Frühstücken lauschen wir den Geräuschen des Waldes. Singt heute ein Vogel besonders schön? Klopft gar ein Specht? Hören wir das Rauschen des Windes in den Bäumen? Knackt es im Gebüsch, weil ein Tier gerade daher läuft? Oder ist es ganz still?

Nach dem Frühstück gehen die Kinder dann auf Entdeckungsreise. Hat die Brücke, die wir beim letzten Besuch im Wald gebaut haben, gehalten? Wir schauen nach, ob das Wasser im Weiher gesunken oder gestiegen ist. Wir streifen durchs Dickicht und bemerken die ersten zarten Knospen im Unterholz. Der Frühling lässt nicht mehr lange auf sich warten. Besonders spannend ist es, wenn wir größere Äste oder kleine Baumstämme umdrehen, denn darunter verbirgt sich immer ein Gekrabbel und Gewimmel von kleinen Tieren und Käfern.Wir beobachten eine ganze Weile diese kleinen und kleinsten Tierchen und manchmal haben wir Glück, dass diese in unserem Bestimmungsbuch sogar beschrieben sind. Auch finden wir gelegentlich Pflanzen und Pilze, die wir mit Hilfe des Buches bestimmen können.

Da es seit Tagen geregnet hat, ist der Waldboden weich und wir sinken mit unseren Schuhen etwas ein. An manchen Stellen quatscht das richtig schön. Überhaupt ist das Laufen im Wald nicht ganz einfach, da der Boden uneben ist oder Wurzeln der Bäume weit aus der Erde ragen. Einige Kinder haben „schöne“ Stöcke gefunden, aus denen sie kleine Wurzelzwerge schnitzen. Andere Kinder bereiten gerade „Waldsalat“ aus Zweigen, Blättern, Moos und Gras zu. Wieder andere sammeln Tannenzapfen für unseren Sinnespfad im Garten und zur Dekoration unserer Gartenlaube. Jetzt, wo diese noch nass sind, haben die Zapfen ein  größeres Gewicht, als im trockenen Zustand. Auch sind sie noch ganz geschlossen. Wenn sie erst im Keller getrocknet sind, werden sie sich öffnen und wir können sie dann an Naturbastfäden in unserer Laube aufhängen. Die Kinder bemerken, dass sich die Zapfen im nassen Zustand weich anfühlen. Aus dieser Erfahrung entwickelt sich nun ein Tastspiel. Sie sammeln die verschiedensten Waldmaterialien wie Rindenstückchen, kleine Stöcke und Zweige, Laub, Steinchen, Gras, Tannennadeln und Erde. Wer kann all diese Dinge mit verbundenen Augen benennen? Haben diese Funde alle den gleichen Geruch? Eine Weiterführung des Spiels ist das Ertasten der Baumrinde an den verschiedenen Bäumen.

Die Zeit ist wie im Flug vergangen und wir müssen uns auf den Heimweg machen. Der ist nach einem solchen Morgen nicht mehr so anstrengend wie früher, da wir durch den Wechsel des Waldes mit dem Auto zurückfahren. Müde und erschöpft, aber auch zufrieden und glücklich kommen wir in der Kita an, wo wir uns ausgiebig mit den anderen Kindern, die gerade den Gartentag genossen haben, austauschen können. Aus den seit dem Jahre 1998 resultierenden Beobachtungen können wir uneingeschränkt den „Erfolg“ bestätigen. Dabei fungieren wir selbst immer nur als Impulsgeber und gerade das scheint ein wichtiger Schlüssel für das Gelingen des Waldprojekts und des naturnah gestalteten Gartens zu sein.

Um so erfreuter waren wir über die Verleihung des Umweltpreises im Jahr 2002 durch das Umweltamt der Stadt Hamm. Nicht nur die Zuwendung von 2500 Euro war dafür ausschlaggebend, sondern auch die Anerkennung der Idee sowie deren kontinuierliche Umsetzung über viele Jahre. Denn eins ist klar: ohne unsere Überzeugung und unser Engagement wären der Waldtag und unser Garten nicht zum Schwerpunkt unserer pädagogischen Konzeption geworden. Als Leiterin der Einrichtung war es mir bei der feierlichen Übergabe wichtig, die sehr gute Arbeit und die akribische Dokumentation in Form eines sogenannten Waldalbums, welches den Werdegang des Projekts detailliert darstellt, hervorzuheben. Die finanzielle Zuwendung wurde ein Jahr später, im Sommer 2003 wieder dem Bereich der Natur – und Umwelterziehung zugeführt, indem eine solarbetriebene Wasserspirale für die Einrichtung eines „Grünen Zimmers“ im naturnah gestalteten Garten angeschafft wurde. Das „grüne Zimmer“, umgeben von einer Strauch- und Weidenhecke, mit Kräuter- und Blumenbeeten und der plätschernden Wasserspirale lädt zum Entspannen und Träumen ein.

Unser naturnah gestalteter Garten bietet eine sinnvolle Ergänzung für den Wahrnehmungsbereich. Ab November 2010 findet analog zum Waldtag einmal wöchentlich der Gartentag statt. An diesem Tag bleibt das Spielzeug im Abstellraum und durch gezielte Aktivitäten lernen die Kinder, die Vielfalt der Bäume, Sträucher, Kräuter, unterschiedliche Bodenbeschaffenheiten sowie die Vielzahl der Tiere wieder bewusster wahrzunehmen.

Der Tag beginnt wie der Waldtag mit einem Ritual. Der Gartenzwerg „Friens“ begrüßt die Kinder und gemeinsam singen wir unser Jahreszeiten-  und Zwergenlied. Das gemeinsame Frühstück findet anschließend im Gartenzimmer statt. Danach geht es auf „Entdeckungstour“. Hier ist es möglich, auch den Geschmackssinn anzusprechen. Durch das Probieren von Früchten (Baum- und Strauchobst) und Kräutern aus dem eigenen Garten kann dieser sensibilisiert werden.

Der Sinnespfad, dessen einzelne Felder mit den verschiedensten Materialien wie Mulch, Tannenzapfen, Sand, Kastanien, grober und feiner Kies gefüllt sind, lädt zum Begehen oder auch zum Befühlen ein. In unserem Garten können Kinder nach Herzenslust forschen und entdecken. Welche Tiere verbergen sich unter den zahllosen Steinen und Baumstümpfen? Wo hat der Maulwurf wieder neue Hügel geworfen? Unter welchem Blatt kann ich Schnecken entdecken? Wie tief kann ich im Sandkasten buddeln? Wie viel „Ahornpropeller“ passen auf meine Nase?

Durch gezielte Beobachtungen und/oder Impulse unsererseits greifen wir die Fragen der Kinder auf und führen diese ggf. in konkreten Angeboten und Projekten in den Gruppen weiter. Inhalte dieser Themen können z. B. „Unsere Bäume im Garten“, „Von der Blüte zum Obst“, „Was riecht denn da – unser Kräuter- und Duftgarten“, „Kennt ihr unsere Blumen?“, sein.

Damit Kinder den Wandel der Jahreszeiten grundsätzlich bewusst erleben, haben sie stets die Möglichkeit, täglich innerhalb des Freispiels in unserem Garten zu spielen. Kleingruppen  unseres Hauses dürfen auch ohne Aufsicht ihren Bewegungsdrang in unserer Anlage ausleben. Durch die Bewegung an frischer Luft werden die Kinder auf Dauer abgehärtet und das Immunsystem gestärkt.

Ein wichtiger Aspekt unserer Arbeit ist der Umweltschutz. Er beginnt mit der Müllvermeidung, setzt sich fort mit der Sortierung des Mülls in den Gruppen (Kompost, gelber Sack, Altpapier, Altglas und Restmüll) bis zur Verwertung des Humus in unseren Beeten. Jährlich findet unsere Frühjahrsaktion in Haus und Garten statt. Alle Eltern, Kinder und Mitarbeiter sind aufgerufen, tatkräftig den Garten für den Frühling instand zu setzen. Mit viel Engagement und Elan werden Beete durchgezogen, Weidenhecken verflochten, etc.

Seit 2002 beteiligen wir uns jährlich an der Aktion Frühjahrsputz im Stadtbezirk Uentrop, indem wir Müll und Unrat rund um unser Gelände einsammeln.